Spix: Der bayerische Humboldt

Legendär ist Alexander von Humboldts (1769 – 1859) Expeditionsreise nach Süd- und Mittelamerika, die er gemeinsam mit Aimé Bonpland von 1799 bis 1804 unternahm. Brasilien war hiervon ausgenommen, da Humboldt nur die Reisegenehmigung für die spanischen Kolonien erwirken konnte. Einige Jahre später sollte es jedoch einen Wissenschaftler mit fränkischen Wurzeln dorthin führen: Johann Baptist Ritter von Spix, der 1781 in Höchstadt geboren wurde, erforschte von 1817 bis 1820 zusammen mit Carl Friedrich Philipp von Martius das damals weitgehend unbekannte brasilianische Landesinnere. Wer war nun dieser Ritter von Spix, und wie kam er zu seinem heutigen Beinamen des „bayerischen Humboldts“?

Am 6. Dezember des Jahres 1816 wurde der Bayerischen Akademie der Wissenschaften durch den königlichen Kommissar von Ringel Post zugestellt. Die in schwungvoller Handschrift verfassten Zeilen waren an die Herren Dr. Spix und Dr. Martius gerichtet, und dürften – auch im Kollegenkreis – für einige Aufregung gesorgt haben. Niemand Geringeres als Maximilian Joseph, von Gottes Gnaden König von Bayern, lud die beiden mit diesem Schreiben nämlich dazu ein, an einer wissenschaftlichen Reise teilzunehmen. Bayerischen Boden sollten sie dabei weit hinter sich zurücklassen; das Reiseziel hieß: Brasilien!

Der junge Botaniker Carl Friedrich Philipp von Martius sagte seine Teilnahme sofort zu. Der Konservator der zoologisch-zootomischen Sammlung, Johann Baptist Spix, erbat sich hingegen eine Nacht Bedenkzeit. Welche Gedanken sind ihm in dieser Nacht wohl durch den Kopf gegangen? Möglicherweise die Überlegung, ob er mit seinen immerhin schon fast 36 Jahren und nicht sonderlich robusten Gesundheit für eine so weite Reise überhaupt geeignet wäre. Vielleicht auch der Umstand, dass seine gerade begonnene paläontologische Arbeit zur „unterirdischen Thier- und Pflanzenkunde Bayerns“ mit dieser Reise eine jähe Unterbrechung finden würde. Wann allerdings würde sich eine solche Gelegenheit noch einmal bieten? Die Chance, in einem großenteils noch unerforschten Land tätig werden zu können, Tiere in ihrem angestammten Lebensraum beobachten und beschreiben zu können, ja möglicherweise bislang unbekannte Tierarten zu entdecken …?

Spix nahm den königlichen Auftrag an.

Es sollte der Höhepunkt seiner bisherigen wissenschaftlichen Karriere werden. Eine Karriere, die so gar nicht absehbar war: Johann Baptist Spix erblickte als siebtes von elf Kindern am 9. Februar 1781 im heutigen mittelfränkischen Höchstadt an der Aisch das Licht der Welt. Sein Vater, der Stadtrat Johann Lorenz Spix, besaß ein kleines Haus in der (heutigen) Badgasse. Der Straßenname liefert bereits den Hinweis: Johann Baptists Vater hatte, wie bereits der Großvater, den Beruf des Baders erlernt, und führte die öffentliche Badstube. So konnte man sich bei Johann Lorenz Spix im dampfenden Badezuber niederlassen, und außerdem auch Dienste der „niederen Chirurgie“ in Anspruch nehmen. Auch Johann Baptist, der Fliete und Schröpfglas damit schon von Kindesbeinen an kannte, sollte sich zunächst einmal der Medizin zuwenden; allerdings erst nach einem kleinen „Umweg“. Da man erkannt hatte, dass er begabt und intelligent war, schickte man ihn – gerade einmal elf Jahre alt – an die Domschule Bamberg. Schon nach einem Jahr, nämlich 1793, wechselte er ins Aufseess’sche Studienseminar und erwarb bereits 1800 den Titel eines Doktors der Philosophie. 1801 trat er in das fürstbischöfliche Klerikalseminar zum Guten Hirten in Würzburg ein. Dies sollte ein Wendepunkt in seiner Laufbahn werden, denn hier wehte spätestens ab 1803 ein frischer, nämlich säkularer Wind durch die Hörsäle. Zu diesem Zeitpunkt wurde Friedrich Wilhelm Joseph Schelling an den philosophischen Lehrstuhl berufen. Spix nahm mit Begeisterung an den Vorlesungen teil … allerdings gegen den Willen des Bischofs, stand doch Schellings gelehrte Naturphilosophie im deutlichen Widerspruch zur klerikalen Lehre. Da Spix sich nicht davon abbringen ließ, die Vorlesungen Schellings zu besuchen, wurde er mit rigorosem Beschluss 1804 von der Universität ausgeschlossen. Um sich den Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete er als Privatlehrer. Darüber hinaus nahm er nun ein Medizinstudium auf. Nach dessen Abschluss praktizierte er bis 1808 in Bamberg. Eigentlich hätte ihm dies ein gutes Auskommen und ein Leben in überschaubaren Bahnen garantiert. Eigentlich – wären da nicht sein großes naturwissenschaftliches (Vor-)Wissen und der noch größere Wissensdrang gewesen.

Der Enthusiasmus für die von Schelling vertretenen neuen Ideen der romantischen Naturphilosophie sollte sich maßgeblich auf seine weitere berufliche Ausrichtung auswirken. Die Ganzheit der Welt tritt, so formulierte es Schelling, in ihren Einzelheiten zutage. Diese müssten wiederum in die Einheit dieses „totum mundi“ eingeordnet werden. Die zentrale Aufgabe der Naturwissenschaft bestand in diesem Sinne darin, das Wissen, welches in der Beobachtung im Einzelfall gewonnen werden konnte, in einen erkenntnistheoretischen Gesamtkontext einzuordnen.

Schelling, inzwischen Mitglied der Bayerischen Wissenschaftlichen Akademie, war seinerseits auf Spix aufmerksam geworden. Vielleicht erkannte er, dass ihm dieser intelligente und ehrgeizige junge Mann bei der wissenschaftlichen Ausarbeitung seiner Theorien dienlich sein konnte. 1808 holte er Spix nach München. Hier kommen nun zwei weitere Personen ins Spiel, ohne die der weitere Werdegang Spix` nicht in dieser Form hätte stattfinden können: der bayerische König Maximilian I. Joseph sowie sein Minister Maximilian Graf von Montgelas. Beide waren wissenschaftlich interessiert, und zeigten sich – wie schon Schelling – von Spix` Fähigkeiten nachhaltig beeindruckt. So nachhaltig, dass Spix nach einer offiziellen Prüfung in vergleichender Anatomie mit 650 Gulden ausgestattet und „akademieunabhängig“ für zwei Jahre nach Paris entsandt wurde.

Eigene wissenschaftliche Ziele

In Paris, dem damaligen Zentrum der biologischen und naturwissenschaftlichen Forschung, tat sich wiederum eine neue Welt für Spix auf: Die Naturwissenschaft eröffnete sich ihm hier als rational-induktive und systematisierende Lehre. Spix, der das neu Gelernte mit der Schelling`schen Idee verknüpfte, formulierte daraus sein eigenes wissenschaftliches Ziel: Die Natur sollte, von der leblosen Materie über sämtliche Organismen bis hin zum Geist des Menschen, als Ganzes begriffen werden. Aufgabe des Wissenschaftlers war es, hier Kriterien zu bestimmen, die die verwandtschaftlichen Zusammenhänge zwischen Organismen aufzeigen, und damit nicht zuletzt zum besseren Verständnis der Evolution führen konnten.

Möglichkeiten zu ersten eigenen Forschungen hatte er zur Genüge: Er nutzte die Zeit des Frankreichaufenthaltes, um in die Bretagne und nach Südfrankreich zu reisen. Auf diesen „Stippvisiten“ trug er schon fleißig Material zusammen, das er als Grundlage für spätere Arbeiten verwendete. Neben „kleineren“ Veröffentlichungen schloss er in Paris auch seine erste große wissenschaftliche Arbeit ab; die „Geschichte und Beurtheilung aller Systeme in der Zoologie nach ihrer Entwicklungsfolge von Aristoteles bis auf die gegenwärtige Zeit“. Gewidmet hatte er es dem Minister Graf von Montgelas, dem er, wie er in einer Präambel scheibt, seine Ausbildung für Naturgeschichte zu verdanken habe. Mit diesem 700 Seiten starken Werk, das 1811 veröffentlicht wurde, gelang es ihm, sich zum einen „freizuschwimmen“ und sein breit gefächertes naturkundlich-zoologisches Wissen überzeugend darzulegen. Zum anderen fand er darin auch den Mut, seinen persönlichen Standpunkt zu vertreten, auch wenn dieser den Lehren der großen Zoologen der damaligen Zeit – wie Lamarck oder Buffon – teils deutlich widersprach.

Wieder in München wurde Spix, nicht ohne das entsprechende Zutun durch Schelling, 1811 von König Maximilian I. Joseph zum Assistenten des Kurators des Naturalienkabinetts ernannt, in dem vor allem im zoologischen Bereich zur Ordnung und zur Vervollständigung beizutragen hatte. Einfach war die kommende Zeit für Spix gewiss nicht … und ebenso wenig für seine Kollegen. Der neue Adjunkt wirbelte das Naturalienkabinett nämlich gehörig durcheinander. Groß waren daher die Proteste, als der König den „Quereinsteiger“ nach nur wenigen Monaten im neuen Amt zum Konservator der zoologisch-zootomischen Sammlung beförderte – die Zootomie kann hier als vergleichende Anatomie der (Wirbel-)Tiere verstanden werden. Im selben Zuge wurde das Kabinett ausgegliedert. Spix bekam den Auftrag, über den derzeitigen Zustand der Sammlung Bericht zu erstatten, und überdies auch Ideen zu ihrer Neuordnung vorzulegen. Unter offener Missachtung des offiziellen Dienstweges drückte er seine Stellungnahme nur wenige Tage später König Maximilian direkt in die Hand. Der Inhalt lässt sich erahnen: Für wissenschaftliches Arbeiten war die Sammlung seiner Meinung nach nicht zu gebrauchen!

Dies schürte neue Angst im Naturalienkabinett. Spix´ Pläne, die Bestände neu zu strukturieren wurden argwöhnisch beäugt. War er doch erst aus Frankreich gekommen, und hatte von dort womöglich das Bestreben übernommen, größtmögliche Unruhe im nomenklatorischen Bereich zu stiften. Auch seine Pläne, die Sammlung zu erweitern, um vergleichende anatomische Studien anstellen zu können, wurden für überflüssig erachtet – war doch der Aufbau eines anatomischen Kabinetts dem Anatom und Mediziner von Sömmering zugedacht gewesen, der eigens dafür an die Akademie berufen worden war.
Trotz etlicher weiterer Reibungspunkte konnte Spix seine Stellung letztendlich behaupten. Zum einen hatte er Rückhalt durch König Maximilian und Graf von Montgelas. Zum anderen gelang es ihm, auch ältere oder „etabliertere“ Kollegen durch seine Veröffentlichungen zu beeindrucken. 1813 fand er als ordentliches Mitglied Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften. Weitere, viel beachtete Publikationen mit inhaltlich großer Bandbreite folgten: Von der inneren Anatomie der Blutegel bis zur vergleichend-anatomischen Studie über die Entwicklung des Tierschädels. Letztere, die „Cephalogenesis“, erschien 1815. Auch sie sorgte für Raunen in den wissenschaftlichen Reihen; Spix vergleicht darin nicht nur akribisch die Morphologie von Schädelknochen völlig unterschiedlicher Tiere, sondern arbeitet auch die Gemeinsamkeiten im Kontext einer übergeordneten Systematik und Einheit heraus – ein Paradebeispiel „angewandter Naturphilosophie“.

Zurück im Aischgrund

In dieser schaffensreichen Zeit führte ihn ein Auftrag auch wieder in heimische Gefilde: In Erlangen sollte er 1812 zusammen mit dem Botaniker Franz von Paula von Schrank eine Sammlung erwerben. Hier traf er auf den jungen Medizinstudenten Martius. Carl Friedrich Philipp von Martius war der Sohn des Hofapothekers und Honorarprofessors für Pharmazie Ernst Wilhelm Martius. Er wurde am 17. April 1794 in Erlangen geboren, ging hier auch an die Universität und schloss 1814 gerade zwanzigjährig sein Studium der Medizin mit Promotion ab. Im gleichen Jahr unterzog er sich auf Veranlassung von Spix und von Schrank der Elevenprüfung und wurde daraufhin bereits 1816 zum Adjunkten befördert. Seine Aufgabe bestand darin, von Schrank beim Aufbau des neu errichteten botanischen Gartens in München zu unterstützen.

Neben der eigenen Forschungsarbeit galt es auch, stets auch aktuelle Veröffentlichungen anderer Wissenschaftler zu studieren. Spix und Martius kannten hier natürlich auch die Schriften Humboldts, und bestätigten in diesem Zusammenhang ebenso dessen Einfluss in der aktuellen „Reiseliteratur“. Zudem hatte Spix im Jahr 1808 in Paris die Möglichkeit, Humboldt persönlich zu treffen. Vielleicht war in Spix zu diesem Zeitpunkt schon der Wunsch geweckt worden, selbst einmal im Dienste der Wissenschaft in einer noch kaum oder gar unbekannten Region tätig zu werden? Es wäre wohl ein Traum geblieben … wenn es nicht schon einen „königlichen Plan“ dazu gegeben hätte!

Bereits 1815 war nämlich – mit dem größten Wohlwollen König Maximilians – ein bayerischer Plan einer Expedition nach Südamerika entworfen worden. Nachdem jedoch die Kosten für die Unternehmung einmal ausgerechnet worden waren, verschwand der Entwurf wieder in der Schublade. Zudem wirkte sich der Untergang Napoleons, auf dessen Seite die Bayern gestanden hatten, spürbar auch auf die bayerische Politik und Wirtschaft aus. Zur leeren Staatskasse kam nach dem „Jahr ohne Sommer“ 1816 die große Hungersnot hinzu. Trotzdem blieb das Interesse groß und wurde zudem immer wieder befeuert durch Expeditionen, die andere „außerbayerische“ Entdeckungsreisende in dieser Zeit unternahmen: Maximilian Alexander Philipp Prinz zu Wied-Neuwied war 1815 beispielsweise zu seiner ersten Forschungsreise nach Brasilien aufgebrochen. 1817 erschien der Reisebericht des britischen Mineralogen John Mawe, der von 1804 bis 1811 auch in brasilianischem Gebiet unterwegs war, in der deutschen Übersetzung. Im gleichen Jahr war Johann Baptist Emanuel Pohl zu einer Expeditionsreise nach Brasilien aufgebrochen. Und natürlich gab es eben das umfangreiche Reisewerk Humboldts, von dem ab 1805 insgesamt 34 Bände erscheinen sollten. Die Neugier, mehr über diese ferne Welt zu erfahren, war also groß. Zudem beschränkten sich die bislang gemachten Erfahrungen nicht nur auf das Studium von Reiseberichten. Schon 1812 hatte Spix in diesem Zusammenhang eine Abhandlung verfasst, in der er alle bis dato bekannten Affenarten vorstellte.

Auch Spix sollte es nach Brasilien führen. Warum ausgerechnet dorthin? Zur Erklärung bedarf eines kleinen Exkurses ins politische Weltgeschehen: 1807 war Portugal von napoleonischen Truppen besetzt worden. Das portugiesische Königshaus floh daraufhin 1808 nach Brasilien, das zum portugiesischen Kolonialreich zählte. Während König João VI. fortan in Rio de Janeiro residierte – 1815 wurde Brasilien offiziell zum „Königreich“ – geriet Portugal unter britischen Einfluss. Das passte wiederum überhaupt nicht in Fürst Metternichs „monarchisches Gesamtkonzept“. Um die Monarchie wieder zu stärken, sollte eine Tochter des österreichischen Kaiser Franz I. mit König Joãos Sohn und Thronfolger verheiratet werden. Im Februar 1817 wurde das entsprechende Heiratsgesuch überreicht, die Ehe „per procurationem“ vollzogen. Um ihre neue Heimat – und auch ihren Mann, Dom Pedro – jetzt auch kennenzulernen, musste die Kaisertochter Carolina Josepha Leopoldine als erste europäische Prinzessin ein ganzes Weltmeer überqueren. Für Kaiser Franz hieß es nun, die Beziehung Österreichs zu Brasilien zu fördern, bzw. überhaupt eine Vorstellung von diesem weitentfernten Land zu bekommen. Daher sollten im Gefolge Leopoldines österreichische Gelehrte mit nach Brasilien reisen. Dort sollten sie eine wissenschaftliche Expedition durchführen – und in diesem Zuge auch die kaiserlichen musealen Sammlungen etwas erweitern.

Auf dem Wiener Kongress im Herbst 1816 hatte König Maximilian I. Joseph von den österreichischen Hochzeits- und Expeditionsplänen erfahren. Ein idealer Anlass, um an die eigenen Ideen wiederanzuknüpfen … und kurzerhand Mitglieder seiner Bayerischen Akademie mitzuschicken! Spix dürfte dabei wirklich der „Kandidat der ersten Wahl“ gewesen sein: Aufgrund seiner langen, vielseitigen naturkundlichen Studien und seiner Auslandserfahrungen brachte er die besten Voraussetzungen mit, um mit der Planung und Leitung der Brasilienreise betraut zu werden.

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